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Mach mal langsam

Statt immer mehr und immer schneller: Die „Slow Furniture“ Bewegung stellt einzelne Möbel auf Bestellung her.

Von JASMIN JOUHAR

Wie wäre es mal wieder mit einem neuen Kerzenständer? Einem neuen Beistelltisch? Einem neuen Kleiderschrank? Die Einrichtungsbranche hat längst von der Modewelt gelernt, wie man immer neue Begehrlichkeiten bei der Kundschaft weckt. Der Umsatz muss steigen, das Unternehmen soll wachsen, und so ruft sie regelmäßig neue Farben, neue Muster, neue Materialien als Trend der Saison aus. Was bei Kleidung absurd genug ist, erscheint bei Möbeln und Einrichtung komplett abwegig. Ein drei Jahre altes Sofa loswerden, weil man sich in ein anderes Modell schockverliebt hat? Schnell ein paar Fotos von der abgelegten Couch bei Instagram posten, es wird sich schon jemand finden, der es noch haben will. Und zack, im Onlineshop das neue Lieblingsstück bestellt.

Fast Furniture heißt das Prinzip in Anlehnung an Fast Fashion, und ähnlich funktioniert es auch: Ohne Rücksicht auf die Bedingungen möglichst viel und billig produzieren, den Preis durch Direktvertrieb zusätzlich niedrig halten und viel Geld ins Marketing investieren. Der Rückzug ins traute Heim während der Pandemie hat das Geschäftsmodell zusätzlich angekurbelt. Beim Gedanken an die sozialen und ökologischen Kosten wird einem ganz anders.

Allerdings, die Grenzen des Wachstums zeichnen sich ab in der Krise: Made.com, einer der Vorreiter des Fast Furniture, meldete kürzlich Insolvenz an, weil sich kein frisches Investorengeld mehr auftreiben ließ, und schaltete den Shop offline. Der britische Onlinehändler Next hat die Konkurrenz zügig übernommen und den Shop wieder ans Netz gebracht. Doch die Gegenbewegung zu all dem Irrsinn nimmt Fahrt auf: kleine Möbelmarken, die anders produzieren und verkaufen. Leise zwar, weil nicht mit großem Marketingbudget ausgestattet, aber dafür umso beharrlicher gehen sie ihren Weg. Und bieten sich an als Alternative für alle, die wissen wollen, was sie da eigentlich kaufen. Slow Furniture gewissermaßen, analog zu Slow Food oder Slow Fashion.

Wie das gehen kann, zeigt beispielsweise das kleine Wiener Label Reduce. Es trägt seine Haltung schon im Namen. Die Gründer Kerstin Pfleger und Peter Paulhart haben bisher zwei Produkte auf den Markt gebracht: einen Stuhl und eine Familie von Keramikgefäßen. Bereits beim Gestalten achten die beiden darauf, dass die Produkte möglichst wenig Ressourcen verbrauchen. Ein sinnvoller Ansatz vor dem Hintergrund, dass das Design bis zu 80 Prozent der ökologischen Folgen eines Gegenstands bestimmt. Reduce lässt ausschließlich in Österreich fertigen, kurze Wege sind also garantiert.

Originell ist auch das Konzept von Edition 33 aus München. Gründer und Designer Max Neustadt hat sich für sein Möbelunternehmen das Crowdfunding zum Vorbild genommen. Auf seiner Internetseite, per Newsletter und über die sozialen Medien stellt er einen neuen Designentwurf vor. Produziert wird das Stück aber erst, wenn er mindestens 33 Bestellungen dafür bekommen hat, deswegen der Name Edition33.

„Jedes einzelne Möbel wird exklusiv für seine Besteller hergestellt“, führt Neustadt aus. „Das schafft zum einen eine große Wertschätzung beim Käufer für das Produkt, aber auch ein Bewusstsein für den Aufwand, der dafür betrieben werden muss.“ Zwei kleine Möbel hat er schon im Programm, den Stufenhocker Adhoc und das Hybridmöbel Stoolbox, eine Kombination aus Beistelltisch, Hocker und Aufbewahrung, entworfen vom Kölner Designer Thomas Schnur. Der Tablett-Tisch Tangens ist gerade in der Vorbereitung. Für die potentiellen Kunden bringt das Geschäftsmodell nach Meinung Neustadts keine Nachteile, etwa durch längere Lieferzeiten. „Demnach, was ich so höre, muss man im Moment auf viele Produkte sehr lange warten, selbst bei großen Marken. Und besonders bei solchen mit langen Lieferketten!“, sagt der Unternehmer. „Ich versuche die Produktionszeit immer möglichst kurz zu halten.“ Mit ein paar Wochen müsse man rechnen. Ein richtiges Lager hat er nicht, ein paar Exemplare hält er dennoch vor, als Reserve.

Max Neustadt kennt sich aus in der Designbranche. Nach Schreinerlehre und Innenarchitekturstudium hat er beim deutschen Möbelverleger Nils Holger Moormann gearbeitet, der bekannt ist für seinen unkonventionellen Ansatz. Danach machte Neustadt einen Master in Produktdesign an der renommierten Schweizer Hochschule École cantonale d’art de Lausanne (Écal) und war für ein Jahr als Designer im Studio von Stefan Diez in München. Wie es mit seinem Unternehmen Edition 33 weitergeht, lässt Neustadt auf sich zukommen. Seine Vision für die Möbelbranche im Allgemeinen ist auf jeden Fall das Gegenteil von Fast Furniture.

„Vielleicht sollten große Hersteller sich wieder ein Stück zurückentwickeln, um sich weiterzuentwickeln“, gibt Neustadt zu bedenken. „Wir haben ein Ausbildungssystem im Handwerk, um das uns die ganze Welt beneidet.“ Sich auf die Möglichkeiten zu besinnen, die wir hier vor Ort haben – solange wir sie noch haben –, brächte nur Vorteile: hohe Qualität, einfache Kommunikation, kurze Transportwege, Unterstützung der heimischen Wirtschaft, Aufbau neuer Kompetenzen vor Ort. Selbstverständlich, räumt er ein, wäre der Preis für die Produkte dann höher. „Aber dazu kann ich nur sagen: Lieber weniger produzieren und verkaufen, dafür besser!“

Design aus der Natur

Zuerst war der Wald da. Als Anna und Karl Philip Prinzhorn die Verantwortung für den familieneigenen Forst in der Nähe von Wienübernahmen, entstand die Idee zu einer eigenen Möbelmarke. Hochwertiges Holz wie Eiche, Ahorn, Esche oder Nussbaum war jedenfalls ausreichend vorhanden. Anna Prinzhorn hatte Design an der Universität für Angewandte Kunst in Wien und an der niederländischen Hochschule Design Academy Eindhoven studiert und im Möbeldesign und in der Innenarchitektur Erfahrungen gesammelt. Unterstützt von ihrem Mann machte sie sich an die Gründung von One for Hundred und entwarf eine Kollektion von Massivholzmöbeln.

Gefertigt wird ausschließlich auf Bestellung, ein Lager gibt es nicht. Mit rund acht Wochen Wartezeit müssen die Kundinnen und Kunden rechnen, sagt Anna Prinzhorn. Dafür bekommen sie aber nicht nur ein im tschechischen Südmähren handwerklich gefertigtes Stück – One for Hundred pflanzt auch für jedes verkaufte Möbel hundert junge Bäume im eigenen Wald, daher der Firmenname. „Ich wollte einen anderen Weg gehen als die Unternehmen in der herkömmlichen Möbelindustrie und nicht nur nachhaltig, sondern kreislaufwirtschaftlich und ressourcenbildend agieren“, schildert die Gründerin ihre Motivation. So achtet sie darauf, dass keine Monokulturen nachgepflanzt werden, sondern ein „naturnaher Mischwald“ mit Sorten, die seit Hunderten von Jahren in der Region gedeihen. Schnellwachsendes, aber weniger widerstandsfähiges Nadelholz lassen sie rausschlagen, während sie den Wuchs von Eiche und Buche fördern.

Wer sich für ein Stück von One for Hundred entscheidet, hat die Wahl: zwischen einer Palette von 24 Farben und einer ganzen Reihe von Hölzern aus dem Familienforst. Auch die Größen lassen sich anpassen. Der Tisch „Yogi“ beispielsweise hat eigentlich eine quadratische Platte wie die typischen alpenländischen Stubentische, ist aber auch als längliche Version erhältlich. „Beim Design habe ich auf minimalistische Formensprache geachtet, damit die Stücke sich möglichst gut und lange in ihrer Umgebung einfügen“, sagt Anna Prinzhorn. „Der Star ist eindeutig das Holz.“ Was ihr ebenfalls wichtig war: Die Möbel sollen sich gut reparieren lassen, so seien beispielsweise die Schrauben einfach auszutauschen. Wie bei allen hochwertigen Massivholzmöbeln lassen sich die Oberflächen nachschleifen und neu ölen. Und damit Umzüge nicht zum Problem werden, hat Prinzhorn die großen Stücke so gestaltet, dass man sie flach verpacken und verschicken kann. „Das haben wir aus eigener Erfahrung gelernt!“

Quelle: F.A.S.

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